ALLE JAHRE WIEDER

Eine alte Tradition wird hundert Jahre alt

Der Burgdorfer Altveteran Ernst Klötzli kam 1920 auf den Gedanken, mit einigen Kameraden vom SAC aufs Weihnachtsfest hin, oben auf der Lüderenalp ein paar Stechpalmenzweige zu holen und damit gleichzeitig einen gemütlichen Tag der Kameradschaft zu verbringen.

Der Anlass führte zum Entschluss, das nächste Jahr wieder zu kommen und die Kameradschaft bei einer währschaften Bernerplatte weiter zu führen. So wurde aus den ersten Anlässen eine Tradition. Längst waren die Stechpalmen vergessen, der Massenaufmarsch von über 150 Teilnehmern hätte sie ja ausgerottet. Geblieben ist das kameradschaftliche Treffen mit der Bernerplatte und «Merängge» zum Dessert.

Die Lüderenfahrt am Sonntag vor Weihnachten wurde zum Grossanlass. Kameraden kamen aus Bern, Solothurn, Langnau, Zofingen und von den Subsektionen Brandis und Huttwil. Alle erdenklichen Auf- und Abstiegsrouten zur und von der Lüderenalp hat man getestet. Ab Ramsei, Wasen, Zollbrück und Langnau und auch etwa vorbei an den berühmten Dürsrütitannen führten die Wege zur Lüderenalp. Auch direkt ab Burgdorf machte sich regelmässig eine Gruppe von marschtüchtigen SAC-Kameraden zu früher Morgenstunde auf den Weg zur Lüderenalp.

Die Lüderenfahrt war viele Jahre reine Männersache. Die Frauen hatten die Aufgabe, an diesem Sonntag zu Hause «Guezli» zu backen und Geschenke einzupacken.

Die Lüderenfahrten fanden auch in den Kriegsjahren statt. Wer im Militärdienst war bekam keinen Urlaub und musste in diesem Jahr darauf verzichten. Und dann hat man sich in Zeiten der Maul- und Klauenseuche sehr diplomatisch durch die polizeilich bewachten Gebietssperren zur Lüderenalp durchgeschmuggelt, indem man ganz einfach einen Polizeichef mit auf die Tour genommen hat.

Gar manch liebem Kameraden hat nun im höheren Alter der steile «Rafrüttistutz» arg zugesetzt, so dass er froh war, aus dem Cognacfläschli eines guten Kameraden neue Kräfte sammeln zu können.

Aber auch beim Abstieg nach Wasen hatte mancher mit ernsthaften Problemen zu kämpfen, z.B. solchen mit dem Gleichgewicht. Das frohe Wiedersehen auf der Lüderen führte selbstverständlich zum Anstossen, und der gute Tropfen konnte eben allzu leicht zu Kopfe steigen. Aber auch nach dem glücklich überstandenen Teilmarsch nach Wasen verirrten sich einige im Weinkeller beim Rössli Fritz in Wasen und verpassten den letzten Zug.

Man glaubte, in der ganzen Umgebung jeden Baum zu kennen und verliess sich auf die vermeintliche Ortskenntnis. Das ausgedehnte Wald- und Hügelgebiet um den Napf herum hat aber auch seine Tücken. Ein Talgraben gleicht dem anderen und selbst einem geübten Kameraden konnte es passieren, dass er als absolut sicherer Lüderenkenner mit einigen Freunden im Abstieg nach Wasen etwa ein Abkürzungs-weglein ansteuerte. Man verfehlte es um ein paar Schritte, verirrte sich komplett bei Nacht und Nebel und stand schliesslich anstatt in Wasen ganz zuhinderst im Laternengraben. Abgekämpft und müde wie man schon war, blieb keine andere Wahl, als noch volle zwei Stunden zu marschieren um schlussendlich Grünenmatt zu erreichen. Man ist aber auch auf der Langnauerseite unterwegs hängengeblieben. So zum Beispiel beim einstmaligen Rämis-Beizli oder zuletzt noch im Rössli Zollbrück.

Die Kunde vom Brand des alten Lüderen-Kurhauseses ist von den Mitgliedern des SAC mit Wehmut aufgenommen worden. Ein schöner Abschnitt aus der Geschichte unseres Clublebens hat damit seinen Abschluss gefunden. In der provisorisch eingerichteten Wirtschaft hat man zunächst die Lüderenzusammenkünfte weitergeführt. Später ging im neu erbauten Kurhaus die alte Tradition weiter.

Die besten Bernerplatten gab es noch zu Anfangszeiten von Vater und Emmeli Held. Die Fleischsuppe wurde noch vom Chef ausgeschenkt und das Sauerkraut auf den Tellern ausgiebig mit Speck, Fleisch und Wurstsachen überdeckt. Und Emmeli war noch jung und rüstig zum Servieren. Es war ein Familienbetrieb und die «Meränggen» erinnerten den ausgehungerten Alpenclübler punkto Grösse schon ordentlich ans Matterhorn.

Im neuen Kurhaus ging durch den Massenauflauf am Sonntag vor Weihnachten manches von der Gemütlichkeit verloren. Ohne Zweifel waren Beat und Lilo Held bemüht, den Anlass reibungslos durchzuführen. Die Küche und das Personal schienen jedoch überlastet. Die Qualität der Bernerplatte liess nach und die «Merängge» hat sich längst auf das landfauf landab übliche «Normalformat» reduziert.

Dies hatte zur Folge, dass sich die Sektionen Bern, Solothurn, Langnau und Zofingen nach und nach zurückzogen. An der Lüderenfahrt vom Dezember 2010 nahmen noch die Sektionen Burgdorf und Brandis mit Total 50 Personen teil. Der Zeitpunkt war nun gekommen, die Lüderenfahrt neu zu überdenken. Die Sektionen Burgdorf und Brandis entschieden sich für einen Wechsel nach dem Krummholzbad. Dieser Entscheid stellte sich bald als richtig heraus. Der Neuanfang im Krummholzbad war geglückt und die Teilnehmerzahlen nahmen wieder zu. Die Bernerplatte entsprach wieder dem, was man von einer währschaften Bernerplatte erwarten konnte.

Einige Jahre brachte die Heilsarmee mit ihren Liedern einen Hauch von Weihnachtsstimmung in den Saal. Im Jahr 2016 entschied jedoch die neue Leitung, nicht mehr an unserem Anlass teilzunehmen. Als Evangelisationsbewegung schien ihnen der Rahmen an einer solchen Veranstaltung als nicht mehr gegeben.

Geblieben ist die Sternwanderung nach dem Krummholzbad. Für viele beginnt diese mit Wanderungen ab Wasen, Ramsei und Zollbrück und alle freuen sich auf das Wiedersehen mit Gleichgesinnten. Die anregende Unterhaltung und das gegenseitige Geschichtenerzählen lassen die Zeit viel zu schnell verstreichen bevor es am späteren Nachmittag wieder Abschied nehmen heisst. In verschiedenen Richtungen geht es wieder an die Ausgangspunkte zurück, sei es zu Fuss oder mit dem Taxi, jedenfalls geordneter als zu Anfangszeiten.

Am 15. Dezember 2019 feiern die Sektionen Burgdorf und Brandis diese Tradition, welche vor 100 Jahren ins Leben gerufen wurde. «Alle Jahre wieder». Dieser Ausspruch soll auch für die Zukunft gelten.

Fritz Adolf, Obmann Senioren, SAC Burgdorf

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