Leitung und Bericht: Rita Lückoff
Fotos: Eveline Jenni, Käthi Burkhard
Teilnehmerinnen: Renate Berger, Käthi Burkhard, Ilse Gerber, Anna Grossenbacher, Eveline Jenni, Marianne Süess

1. Tag

Diese Wanderung war vor drei Jahren dem Regen zum Opfer gefallen. An diesem Wochenende hatten wir kein schlechtes Wetter zu befürchten, eher die Hitze, die aber uns sieben SAC-Frauen nicht abschreckte.

Unser Ziel war der französischsprachige Teil des Juras in der Nähe von Moutier. Darum hatte ich Eveline um Unterstützung gebeten. Gemeinsam hatten wir den zweiten Tag vorbereitet und Eveline hatte telefonisch alle Kontakte hergestellt.

Der Jura wird vom öffentlichen Verkehr sehr vernachlässigt, so dass wir bei der Fahrt nach Le Pichoux oft umsteigen mussten. Wie froh waren wir, dass wir ohne Ausfälle bis Bellelay kamen, wo wir zum letzten Mal den Bus wechseln mussten, um in 12 Minuten nach Le Pichoux, dem Beginn unserer Wanderung zu gelangen. Es stand jedoch kein Bus bereit, und wir mussten einsehen, dass er ohne uns abgefahren war. Also hiess es: Laufen. Statt um 9.30 Uhr konnten wir uns erst um 11.00 Uhr auf den steinigen, steilen Felsweg begeben, der sich unter Kiefern emporschlängelte. Auf knapp 1.000 Metern erreichten wir den abgelegenen Bauernhof „La Belle Etoile“, wo wir einen Kaffeehalt geplant hatten. Jetzt wurde es ein Mittagsimbiss. Die Pächterfamilie Selina und Jean-Marc Droz war beim Heuen. Sie liess es sich aber nicht nehmen, uns zu einem schattigen Picknickplatz zu führen, wo sie uns mit Bio-Produkten aus eigener Herstellung verwöhnten.

Der Abstecher zum Biohof bedeutete eine Änderung der von mir vorbereiteten Route, so dass wir uns an der Wanderkarte orientieren mussten. Eveline hatte im Wanderkurs das Kartenlesen gelernt, und wir folgten ihr vertrauensvoll abwärts. Die Tour hiess zwar „um die Schlucht“, aber warum sollten wir nicht einmal eine solche durchqueren. Es gab auf diesem Weg keine Wanderzeichen. Da diese im Jura eher selten sind, beunruhigte uns das nicht. Als wir uns jedoch nach einer Stunde immer noch auf dem steilen rutschigen Waldweg befanden, mussten wir einsehen, dass dies nicht die offizielle Route war. Endlich trafen wir auf einen breiteren Pfad und eine gelbe Markierung. Mit Hilfe von Käthis App auf dem Handy erreichten wir bald unser Etappenziel, den hübschen Ort Soulce. Wir bewunderten die zahlreichen Brunnen, die Blumengärten und die alte Mühle, die schon 1747 von dem Wasser des Baches Folpotat gespeist wurde. Sie wurde so gebaut, dass der Bach und sein Seitenkanal direkt unter dem Haus durchfliessen.

Das Bauernhaus „Soulce-Soleil“, in dem wir übernachten wollten, ist nicht viel jünger als die Mühle. Es wurde von dem Besitzer Herrn Buchwalder nach Vorgaben des Denkmalschutzes renoviert. Den ersten Stock hat er ausgebaut, so dass neben einem grossen Aufenthaltsraum mehrere Schlafräume zur Verfügung stehen. Unser „Massenlager“ war die Luxusvariante mit Stockbetten. Mehr noch als die komfortable Unterkunft erfreuten uns die Duschen, die gleich fleissig genutzt wurden.

Das Abendessen konnten wir an diesem schönen Sommerabend im Garten einnehmen. Herr Buchwalder hatte uns ein Chef-Menü versprochen, und unsere Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Als Vorspeise gab es Melone mit Schinken, es folgten vier verschiedene Salate und Fleisch vom Grill. Die Krönung war ein Obstsalat mit elf verschiedenen Früchten, dazu ein guter Tropfen aus dem Wallis.

2. Tag

Nach einer ruhigen Nacht und einem feinen Morgenessen verabschiedeten wir uns von unserem freundlichen Gastgeber und begaben uns um 8.00 Uhr auf den alten Verbindungsweg zu dem nächsten Etappenziel Undervelier und die „Grotte de Sainte-Colombe“. Die Grotte am Grund der Pichoux-Schlucht wurde in vorgeschichtlicher Zeit genutzt und ist heute ein Wallfahrtsort. Im Höhlenhintergrund entspringt eine kleine Karstquelle. Das Wasser, dem eine wundersame Heilkraft nachgesagt wird, fliesst als Rinnsal von einem Stalagmiten in ein flaches Becken. Unter dem Eingangsbogen der Grotte, die der heiligen Kolumba von Sens, einer Märtyrerin des 3. Jahrhunderts geweiht ist, steht ein Kruzifix. Seit dem 13. Jahrhundert ist der Ort Ziel einer am 15. August (Mariä Himmelfahrt) stattfindenden Wallfahrt.

Nach Undervelier ging es bergauf und über eine Wiese. Bevor wir ins Tal abstiegen, machten wir einen Trinkhalt am leeren Futtertrog für die Kühe. Kurz vor dem Hof „Prè de Joux“ bogen wir in einen Forstweg ein. Dieser wurde zunehmend ruppiger und steiler. Auch hier im Wald spürten wir die Hitze, und die ca. 400 Höhenmeter bis Rebévelier gehörten sicher zu den anstrengendsten der Wanderung.

In Rebévilier hatten sich auf etwa 1.000 m Täufer angesiedelt, die nach dem Durchbruch der Reformation 1528 überall verfolgt wurden. Sie fanden Zuflucht im Gebiet des Fürstbistums Basel, dem heutigen Kanton Jura. Bei der Vorbereitung dieser Wanderung wurden wir von der Täufer-Familie Amstutz zum Kaffee eingeladen. Wir respektierten heute ihre Mittagsruhe und suchten uns selbst hinter dem Weiler ein schattiges Plätzchen für unser Picknick. Am Brunnen konnten wir unsere Wasserflaschen auffüllen und uns erfrischen. Dabei fiel Ilses Uhr in einen Spalt. Sie hatte sie schon aufgegeben, aber Eveline ruhte nicht, bis sie mit Hilfe einer geliehenen Grillzange das gute Stück hervorgeholt hatte.

Gestärkt erreichten wir nach einem leichten Anstieg eine Wiese mit riesigen Laub- und Nadelbäumen, die uns wie ein kleines Paradies erschien. Die Jurassier vermarkten ihre Sehenswürdigkeiten schlecht. Ohne die Hilfe unseres Herbergsvaters hätten wir den Abzweig zum Aussichtspunkt nicht gefunden und den wohl eindrücklichsten Blick in die Pichoux-Schlucht verpasst.

Die Bio-Bauern dürfen ihre Wiesen nicht vor einer festgesetzten Zeit mähen, so dass das Gras teilweise sehr hoch stand. Es duftete wunderbar nach Kräutern und Blumen, und auch die Insekten profitierten von dieser Regelung. Eine Schafherde hatte sich im Schatten der Bäume niedergelassen, und die hübschen braun-schwarzen Ziegen „Nera Verzasca“ - eine von Pro Specie Rara geschützte Rasse - wollten es ihnen gleichtun und rannten laut meckernd den Hang entlang.

Der Abstieg zum Ausgangspunkt Le Pichoux forderte unsere volle Konzentration, denn es lag viel Laub auf dem schmalen, steilen und kurvenreichen Pfad. Noch konnten wir uns aber nicht entspannt zurücklehnen, denn am Sonntagnachmittag fährt kein Bus ab Le Pichoux, und wir mussten an diesem heissesten Junitag seit Beginn der Messungen die 150 Höhenmeter nach Souboz zu Fuss zurücklegen, ohne Schatten, ohne ein Lüftchen. Jeder Brunnen wurde zur Erfrischung genutzt. Im Bistro konnten wir uns bis zur Abfahrt des Busses mit einem Eis oder einem Getränk für die Mühe belohnen. Der Bus kam pünktlich, und wir erreichten alle Anschlüsse  – Moutier, Solothurn –  und waren um

18.12 Uhr in Burgdorf und bald auch daheim, wo wir den schweren Rucksack endgültig absetzen konnten.

Die Wanderung war jede Anstrengung, jeden Schweisstropfen wert, und ich bin sicher, dass wir nicht zum letzten Mal in dieser schönen Gegend waren.

Ich danke Euch für die Teilnahme, für Eure Kameradschaft und dir, liebe Eveline, für dein Engagement vor und während der Wanderung und die fürsorgliche Betreuung an den beiden Tagen.

Melde dich mit deinem Benutzer an, um Kommentare zu erstellen.