Bergführer: Samuel Zeller

Tourenleiter: Jakob Schibli

Teilnehmer: Cornelia Zeller, Beni Herde, Markus Breitenstein, Rolf Stettler, André Hess, Peter Stähli

16. Juli (Anreise, Hüttenweg Cabane du Grand Mountet CAS, 2886 m.ü.M.)

Um die Mittagszeit treffen wir in Zinal ein. Bevor wir den Hüttenweg in Angriff nehmen, biegen wir kurz nach dem Dorf ab zu "La Tzoucdanaz", einer idyllisch gelegenen Beiz. Hier stehen Kaffee und Kuchen auf dem Programm. Nach einem kurzen Flachstück entlang der Navisence beginnt der Hüttenweg zu steigen. Oberhalb der Moräne des Glacier de Zinal angekommen, passieren wir den Besso. Kurz darauf zeigt sich uns das vollständige Panorama, das uns die nächsten Tage beschäftigen wird: Besso, Blanc de Moming, Zinalrothorn, Wellenkuppe und Obergabenhorn, um nur die Tourenziele zu nennen, nebst zahlreichen weiteren Gipfeln.

Am späten Nachmittag treffen wir in der Hütte ein. Einquartieren und Trinken bzw. Trinken und Einquartieren sind angesagt. Der Empfang ist überaus freundlich, das Essen schmeckt, wenn auch der Salzstreuer auf dem Tisch regen Zuspruch findet.

17. Juli (Überschreitung Besso, 3668 m.ü.M., und Blanc de Moming, 3661 m.ü.M.)

Bei Stirnlampenschein und etwas unsicherem Wetter starten wir und umgehen zunächst westlich Le Mammouth. Auf einer Höhe von ca. 2840 m.ü.M. beginnen wir zu steigen. So gelangen wir über Blockgelände, Geröll und Firnfelder ans Couloir, das den Zugang zum SW-Grat des Besso eröffnet. Das Wetter bleibt stabil, mit Tendenz zur Besserung. Einmal mehr bewahrheitet sich die öfters gehörte Prognose des Schreibenden: Äs tuet uuf! Die Gratkletterei ist über weite Abschnitte auch für Nicht-Sportkletterer gut zu bewältigen. Einige kurze Abschnitte sind aber anspruchsvoll. Das Gestein ist hier schön kompakt, mit einigen wenigen Ausnahmen. Dank der Wetterbesserung können wir auf dem Gipfel ein eindrucksvolles Panorama geniessen. Da wir aber noch einiges vorhaben, fällt die Rast kurz aus.

Wir beschliessen, den Blanc de Moming anzuhängen und machen uns an die Überschreitung des nach Südosten führenden Verbindungsgrates. Zunächst führt diese Route über Simse den Grat hinunter, die schon fast wie Wegspuren anmuten. Allerdings ist das Gelände hier nun schuttig. Es folgen auch Kletterpassagen, die markanteste darunter eine ca. 30 m lange, nach unten führende Gratschneide, die rückwärts abgeklettert werden muss. Da man seitlich kaum Tritte findet, sich aber auch nicht einfach auf Zug an die Gratschneide hängen kann, wird die Sache technisch und mental fordernd. Eine weitere markante und ebenfalls fordernde Stelle ist der Turm, der überklettert werden muss, bevor das Gelände wieder einfacher wird. Auch hier hat es einige schuttige Stellen. Kurz vor dem Gipfel montieren wir die Steigeisen. Über ein kurzes Firnstück und einige Felsen gelangen wir zum Gipfel. Bei anhaltend gutem Wetter rasten wir kurz, bevor wir uns an den langen Abstieg machen.

Über den Dôme, 3651 m.ü.M., gelangen wir auf einen nach SW führenden Blockgrat, den wir kurz nach Pt. 3555 verlassen. Vor Pt. 3309 steigen wir über Wegspuren eine schuttige Flanke hinab. Hier ist nun Vorsicht geboten, um nicht die Kameraden mit Steinschlag zu gefährden. Niemand trauert dieser Flanke nach, als wir über ein Firnfeld zu La Forcle queren. Noch einige Blöcke, dann ist die Moräne des Glacier du Mountet erreicht, die praktisch bis zur Hütte führt. Zunehmend macht sich Durst bemerkbar, auch leidet die Konzentration. Der Weg ist aber einfach, nur gemacht will er noch werden. Nach rund 12 Stunden sind wir wieder bei der Hütte.

Heute ist die Reihenfolge klar: Erst trinken, dann trinken, dann alles andere. Nach einem wiederum guten Essen und reichlich Flüssigkeitsnachschub - auch Weizenbier - ziehen wir uns für eine kurze Übernachtung in unser Lager zurück.

18. Juli (Überschreitung Obergabelhorn, 4063 m.ü.M., und Wellenkuppe, 3903 m.ü.M.)

Bereits um 0150 Uhr ist heute Tagwache. Um 0245 Uhr verlassen wir die Hütte in Richtung Glacier Durand. Nach dem Abstieg auf den Gletscher wenden wir uns gegen Le Coeur, 3090 m.ü.M. Hier wird das Gelände heikel: Der Grat ist nur über ein schuttiges Band zu erreichen, und kaum hat man den Eindruck, der Fels werde solider, stellt man fest, dass alles so brüchig ist wie zuvor. Dank grosser Vorsicht, guter Koordination der vier Seilschaften und einem gekonnten Ausweichmanöver erreichen wir den Firnteil des Grates ohne Blessuren. Dass wir nicht länger als nötig in diesem Gelände herumeiern, verdanken wir zu einem grossen Teil auch der ausgezeichneten Routenfindung unseres Bergführers Samuel.

Nun folgt der Firnaufstieg. Endlich weiss man, was man unter den Füssen hat: Guten Trittschnee, der zuverlässig hält, wenn man sich konzentriert und richtig hinsteht. Die elegant geschwungene Linie des Firngrates ist eindrücklich. Diese Route muss sich in keinem Fall hinter dem Biancograt verstecken. Der letzte Abschnitt ist so steil, dass wir ihn auf den Frontzacken nehmen. Noch einige Meter, und wir stehen bei schönstem Wetter auf dem Obergabelhorn. Das Panorama lohnt die Mühen: Von Süden her im Uhrzeigersinn zeigen sich Matterhorn, Dent d'Herens, Dent Blanche, Zinalrothorn, Täschhorn, Alphubel, Rimpfischhorn, Monte Rosa, umrahmt von vielen anderen. Nach ausgiebiger Verpflegung werden Ablassen, Abklettern und Abseilen zum Thema: So gelangen wir über den Felsteil des NE-Grates zum Firn hinunter. Erst rückwärts absteigend, dann in einer guten Spur gehend folgen wir dem Firngrat bis zum Grand Gendarme, 3870 m.ü.M. Dieser muss nicht ganz überklettert werden, sondern kann mit Fixseilen auf halber Höhe nördlich traversiert werden. Auf der NE-Seite folgen wieder Ablassen, Abklettern und Abseilen.

Wegen zahlreicher Kreuzungsmanöver mit anderen Seilschaften zieht sich unsere Gruppe etwas in die Länge. Bei Pt. 3827 versammelt uns Samuel wieder, bevor wir gemeinsam die Wellenkuppe ersteigen. Hier geht es gleich weiter über den E-Grat, wo schon bald eine längere Abseilstelle folgt. Abseilen und brüchiges Gehgelände wechseln sich ab. Nach dem E-Grat folgt noch der Triftgletscher, über den wir in einer grossen, ca. 2 km langen Kurve zur Rothornhütte, 3197 m.ü.M., gelangen. Gegen 1800 Uhr, nach 15 Stunden somit, kommen wir an. "Lange Tour, gute Tour", lässt sich sagen. Aber auch "strenge Tour". Die Prioritäten sind ähnlich wie gestern: Trinken, Trinken, Trinken, sogar Cardinal Lager macht Freude, und irgendwann noch einquartieren. Damit wir für all dies genug Zeit haben, verschiebt die Hüttencrew unser Essen auf 1900 Uhr. Auch hier ein sehr freundlicher Empfang, das hervorragende Nachtessen mit Ossobucco und Polenta wird noch lange in Erinnerung bleiben. Die Salzstreuer kommen heute nicht zum Einsatz.

Beni feiert an diesem Abend seinen Geburtstag und kredenzt uns einen wunderbaren Roten, der bestens mit dem Ossobucco harmoniert. Danke und herzliche Gratulation nochmals!

Früh suchen wir unser Nachtlager auf, denn morgen steht das Zinalrothorn auf dem Programm.

19. Juli (Zinalrothorn, 4221 m.ü.M.)

Schon fast spät können wir heute aufstehen. Wie wir vor die Hütte treten, machen wir grosse Augen: Gewitter. Zum Glück sind diese im Abzug begriffen, so dass wir den Aufstieg wie geplant beginnen können. Im Schein der Stirnlampen geht es östlich des Eseltsch gegen den Rothorngletscher empor. Im ersten Morgenlicht zeigt sich das Matterhorn mit einer Wolkenhaube, die restliche Bewölkung hat sich grösstenteils verzogen. Durch ein Couloir, über Firn- und Blockfelder führt die Route zum Firngrat empor, der über Pt. 3912 zur Südflanke des Zinalrothorns führt. Doch schon vorher zeigt sich, dass die beiden vorangegangen Touren Spuren hinterlassen haben: 2 Teilnehmer treten noch vor dem Firngrat den Rückzug an.

Nach dem Firngrat queren wir über Bänder, teils mit Schnee und Eis, in die Südflanke, wo wir einem Couloir zur Gabel hinauf folgen. Dabei gilt es, immer möglichst nicht im Couloir, sondern etwas links davon aufzusteigen. Auch wenn es etwas Schutt hat, wirkt das Gestein aber solide.

Nach der Gabel steigen wir weiter zur berühmten Binerplatte. Da anschliessend länger Firnstellen folgen, montieren wir vor der Platte wieder die Steigeisen. So über die Platte zu queren, die zwar einige gute Griffe aufweist, aber kaum Tritte, erweist sich als schwierig. Immerhin hat es einige Bohrhaken. Nach heiklen Metern folgt eine Kante, nach der unser Weg durch guten Trittfirn weiter führt. Auch ist das Gelände entschärft mit Sicherungsstangen. Hier sieht man auch schon das Gipfelkreuz. Doch vorher sind noch ein kurzer Firngrat und die Kanzel zu überwinden, erst dann kommen wir zum Gipfelfelsen.

Vom Gipfel aus lassen wir die beiden vergangenen Tage Revue passieren: Die ganze Route von der Cabane du Grand Mountet über Besso und Blanc de Moming und auch die gestrige Route über Obergabelhorn und Wellenkuppe sind einsehbar. Allzu lange verweilen wir auch auf diesem Gipfel nicht, denn der Abstieg ist lang und es beginnen sich Wolken aufzutürmen, die Gewitter bringen könnten. Der Abstieg bis oberhalb der Binerplatte geht zügig vor sich. An der obersten Sicherungsstange können wir abseilen, so dass uns das Abklettern der Binerplatte erspart bleibt. Von einer weiteren Abseilstelle aus gelangen wir direkt zur Gabel.

Kurz unterhalb der Gabel geschieht nun leider, was auf Hochtouren niemand erleben will: Ein grosser Stein löst sich spontan, trifft erst Cornelia und dann mich. Glück im Unglück, wobei die Glückskomponente deutlich überwiegt: Angesichts der Grösse des Steines hätte es wesentlich schlimmer ausgehen können als mit je einer Unterschenkelverletzung. Samuel hat die Situation in beeindruckender Weise im Griff. Er organisiert umgehend die Luftrettung, sorgt für Sicherung und Betreuung der Verletzten. Rund 20 Minuten nach dem Unfall schwebt der Helikopter über dem Couloir, worauf erst Cornelia und dann ich an der Long-Line herausgehoben und auf die Gletscherebene neben der Hütte geflogen werden. Ein imposanter Ausblick, frei unter dem Heli schwebend mehrere 100 m über dem Gelände. Doch ist der Preis dafür zu hoch...

Cornelia und ich werden dann in den Heli verladen und ins Spital Visp verbracht, der Rest der Gruppe wird bis zur Hütte ausgeflogen. Samuel kann bis Zermatt mitfliegen und so den Heimtransport der Verletzten organisieren.

20. Juli (Abstieg Rothornhütte nach Zermatt)

Der Rest der Gruppe steigt heute von der Hütte ab, wie mir zugetragen wird nicht ohne unterwegs noch einen ausgiebigen Kaffee-und-Kuchen-Halt zu machen. Schliesslich soll die Woche mit dem enden, womit sie begonnen hat.

Schluss und Dank

Zunächst möchte ich allen für die drei langen, anspruchsvollen, imposanten Touren danken.

Grosser Dank geht an Samuel für die hervorragende Führung und die souveräne Bewältigung der Unfallsituation, aber auch für den Heimtransport.

Und herzlichen Dank auch für die vielen Nachfragen nach dem Befinden, die Hilfe und die Besuche nach dem Unfall. Solche Kameradschaft tut ausserordentlich gut und macht vieles viel erträglicher. Es ist halt schon so:

SAC - MEHR ALS BERGSPORT!

Melde dich mit deinem Benutzer an, um Kommentare zu erstellen.