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Datum: 17. - 21. Juli 2017
Bergführer: Samuel Zeller
Tourenleiter: Jakob Schibli
Teilnehmer: Beni Herde, Ueli Brawand, Markus Breitenstein, Peter Stähli

 

1.       Tag

Wir treffen uns kurz nach 0800 am Bahnhof Burgdorf, um per Bahn nach Pontresina zu verschieben, das wir kurz vor 1300 erreichen. Vor dem Aufstieg zur Bovalhütte stärken wir uns im Restaurant Morteratsch mit Rösti, Früchtekuchen oder beidem, je nach Vorliebe. Bei Schönwetter und Temperaturen, die man als „gut warm“ bezeichnen darf, nehmen wir dann den Weg zur Bovalhütte unter die Füsse. Schon bald tut sich die Szenerie vor uns auf, in der wir uns nun die ganze Woche bewegen wollen: Der „Festsaal der Alpen“ mit Morteratschgletscher, Piz Boval, Piz Morteratsch, Piz Prievlus, Piz Alv, Piz Bernina, Crast‘ Agüzza, Piz Argient, Piz Zupò, Bellavista, Piz Spinas, Piz Palü, Piz Cambrena, Piz d’Arlas, Piz Trovat, Munt Pers und mittendrin die Fortezza. „Tutta la pizzeria“, lässt sich sagen. Bald ist die Hütte erreicht, wir richten uns ein und geniessen als Apéro die Produkte der Brauerei Engadiner Bier, Pontresina.

2.       Tag

Bergsteigen ist mit frühen Tagwachen verbunden, besonders wenn man die Begehung des Spraunzagrates beabsichtigt. Noch mit der Stirnlampe, aber plains da spraunz‘, bringen wir den Zustieg zum Grat in gemütlichem Tempo hinter uns. Die hohen Temperaturen treiben uns schon jetzt den Schweiss auf die Stirn. Der Grat selbst bietet nicht enden wollende Genusskletterei in bestem, rauhem Granit und immer wieder atemberaubende Ausblicke auf den Biancograt, den Piz Bernina und die östlich davon folgenden Gipfel. Nach rund 7 Stunden, die letzte davon über Firn, erreichen wir den Piz Morteratsch. Nun tut sich auch der Blick auf Piz Tschierva, Piz Roseg und Piz Scerscen auf, die den Tschiervagletscher und den unscheinbaren, aber knackigen Piz Umur umrahmen. Im Abstieg macht sich wiederum die Wärme bemerkbar, der Firn ist stellenweise zu Matsch verkommen, der grosse Vorsicht verlangt. Über einen steilen, rutschigen Weg gelangen wir bei immer grösserer Hitze zur Tschiervahütte. Der eine oder andere mag seinen Durchhaltewillen mittels Halluzination von Gläsern, gefüllt mit kühlperligem Gestensafte, anfeuern. Das nennt man „Kraft positiven Denkens“. So glücklich wie durstig erreichen wir nach einer äusserst eindrucksvollen, wunderschönen Tour die Tschiervahütte. Auch hier werden wir ausgezeichnet bewirtet, nur die Dicke (bzw. Dünne) der Brotscheiben gibt Anlass zu Bemerkungen. Nach zusätzlichen Hostien gefragt lässt die Hüttengehilfin aber nicht erkennen, dass sie die Anspielung verstanden hätte.

3.       Tag

Noch früher als gestern ist Tagwache. Ziel ist der Piz Bernina über den Biancograt. Beim ersten Morgenlicht sind wir bereits auf dem Gletscher unterhalb der Fuorcla Prievlusa. Diese erreichen wir über eine klettersteigähnlich ausgebaute Route. Die Sicherungsstangen sind so gesetzt, dass man alles am laufenden Seil gehen kann. In der Fuorcla angekommen entscheiden wir, den ersten Felszahn nicht in der Flanke zu umgehen, sondern zu überklettern. Zu schlecht ist die Schneeauflage in der Flanke. Der Zahn dankt es mit schöner Granitkletterei. An der „Haifischflosse“ vorbei geht es auf den Biancograt, die wohl berühmteste Himmelsleiter der Alpen. Die Ausgesetztheit ist eindrücklich, die Ernsthaftigkeit wird noch verstärkt durch die auch hier nicht üppige Schneeauflage: Mit einem Fuss steht man schon fast auf blankem Eis. Mit voller Konzentration ist aber ein Aufstieg am kurzen Seil noch möglich. Nach ca. 1 Stunde und 30 Minuten auf dem Biancograt stehen wir auf dem Piz Bianco (oder eben Piz Alv). Erst hier wird augenscheinlich, wie lang die Kletterei bis zum Piz Bernina noch ist. Doch auch diese Stelle ist sehr schön zu klettern und Abseilen in Scharten macht das Ganze noch abwechslungsreicher. Wie schon an den vorderen Felsstellen könnten wir auch hier ohne Steigeisen klettern. Auf dem Gipfel öffnet sich dann der Rundblick über alles, was wir heute und gestern bereits gesehen haben. Wir geniessen ein Rundum-Panorama bei bestem Wetter. Von der Wärme her ist es – was mir auf einem Viertausender fast unwirklich vorkommt – problemlos im T-Shirt mit einer leichten Sommerjacke zu ertragen. Vom Gipfel geht es weiter über La Spedla zum Rifugio Marco e Rosa CAI, das wir um die Mittagszeit erreichen. Wir sind angekommen in der Welt der Antipasti, der Primi und Secondi Piatti, der Dolci, des Bresaola und der dazu gehörenden, kultigen Aufschnittmaschinen. Ein Paradies. Entsprechend langen wir zu, bevor wir uns für ein Nachmittagsnickerchen zurückziehen. In Eigeninitiative disponieren wir die Zimmerbelegung noch etwas um, so dass alle Zimmer gleichmässig belegt sind und auch Gestalten wie der Schreibende in den zu kurzen Betten zwar diagonal, aber immerhin gerade liegen können. Zur Erweiterung der kulturellen Erfahrungen, es bleibe nicht unerwähnt, zählt auch die Bauweise der WC-Anlage in dieser Hütte. Über Einzelheiten schweigt des Sängers Höflichkeit. Wir widmen uns den Freuden der italienischen Küche – und sie sich uns – und sinken nach einem Genepy zufrieden, müde und früh ins Bett, gerade oder diagonal, jeder nach seinen Bedürfnissen.

4.       Tag

Für unsere Verhältnisse schon fast spät ist die Tagwache heute. Nach dem in italienischen Hütten eher frugalen Frühstück, aber umso besseren caffè machen wir uns auf den Weg zur Bellavista-Terrasse. Auch heute meint es Petrus gut mit uns. Was Wunder auch, ist doch sein Namensvetter in der Gruppe dabei. Bald erreichen wir die Fuorcla Bellavista, wo uns der Spinasgrat mit steifer Bise begrüsst. In sportlichem Tempo überklettern wir den Grat und überschreiten kurz darauf die 3 Gipfel des Piz Palü. Nun überblicken wir den „Festsaal“ genau in der entgegengesetzten Richtung und sehen, wo wir am 1. Tag gestartet sind. Steil – und auch hier in schon fast zu weichem Schnee – geht es nun die Normalroute hinunter, die schon bald durch einfacheres Gelände führt. Doch darf der Cambrena-Eisbruch nicht unterschätzt werden und muss immer bedacht werden, dass die Schneebrücken wegen der hohen Temperaturen weich sein könnten. Hochzufrieden auch mit dieser Tour – und schon auch etwas stolz auf die sportliche Begehungszeit – erreichen wir die Fuorcla Trovat, wo wir uns der Steigeisen entledigen. Über den Bergweg gelangen wir zum Berghaus Diavolezza, wo wir unsere letzte Unterkunft beziehen. Der Nachmittag wird genutzt zur Regeneration. Bald stellen wir fest, dass die kulinarischen Möglichkeiten des Hauses wesentlich ausgebauter sind als das uns zur Verfügung gestellte Zimmer. Immerhin können wir nun das Schicksal von Sardinen nachfühlen. Trotz durchzogener Wetteraussichten für den 5. Tag beschliessen wir, die geplante Begehung des Palü-Ostpfeilers in Angriff zu nehmen. An guten Grundlagen fehlt es nicht, nach einem geruhsamen Nachmittag sind wir erholt und der Viergänger, den wir am Abend vorgesetzt bekommen, ist hervorragend.

5.       Tag (Palü Ostpfeiler)

Das Wetter sieht immer noch gut aus, als wir das Berghaus mit Tagesgepäck verlassen. Samuel findet den perfekten Weg zwischen den Spalten des Pers-Gletschers hindurch zum Einstieg. Dieser erweist sich als sportlich – „Stellen III“, wie ich irgendwo im Vorfeld gelesen zu haben glaube, wäre etwas anderes. Aber auch hier bietet das Gelände einfach grossartige Felskletterei in schönem, rauhem Granit. Die Tiefblicke vom Pfeiler auf die Eisbrüche links und rechts sind äusserst imposant. Leider hält sich das Wetter nicht ganz an unseren Plan, so dass wir noch im Felsteil des Pfeilers in Graupelschauer geraten. Glücklicherweise vereist der Fels aber nicht, so dass wir ohne Steigeisen weiterklettern können. Aber ernsthafter wird die Szenerie natürlich schon. Doch richtig ernsthaft scheint der Wetterumschwung noch nicht zu sein. Schliesslich erreichen wir den Firngrat zum Palü-Ostgipfel, den wir vorerst am kurzen Seil begehen. Wie schon am Biancograt ist auch hier die Schneeauflage dünn. Weiter oben fehlt sie dann ganz, so dass ein Abschnitt mit Eisschrauben gesichert werden muss. Kurz vor dem Gipfel durchstossen wir die Gipfelwächte, hinter der ich dann als „Widerlager“ eingesetzt werde, damit Samuel die beiden folgenden Seilschaften hinaufsichern kann. Nun stehen wir zum zweiten Mal in diesen Tagen auf dem Ostgipfel des Piz Palü. Die Freude über die gelungene und bei den heutigen Wetterverhältnissen noch anspruchsvollere Besteigung des Ostpfeilers ist gross. Um nicht schon in der Höhe in ein Unwetter zu geraten steigen wir rasch über die Normalroute ab und erreichen die Diavolezza über den Weg, den wir von gestern kennen. Etwas Regen bekommen wir am Schluss noch ab, das Donnergrollen, das uns auf den letzten Metern zum Berghaus begleitet, macht Eindruck. Die Zeit reicht bündig, um die restlichen Sachen zusammenzupacken und noch etwas zu trinken, bevor uns die Seilbahn zur Bahnstation Bernina Diavolezza bringt. Von dort aus reisen wir per Bahn zurück nach Burgdorf. Vor allem entlang des Zürichsees, aber auch im Raume Olten wird die Reise von einem höchst eindrücklichen Feuerwerk von Blitzen begleitet. Mutter Natur gibt alles, um uns die lange Bahnreise etwas abwechslungsreicher zu gestalten.

Schluss

Es war eine fordernde, sehr abwechslungsreiche und eindrucksvolle Hochtourenwoche. Das weitestgehend gute Wetter hat seinen Teil dazu beigetragen. Ich möchte allen Teilnehmern für dieses grossartige Erlebnis danken. Danke auch dafür, dass ich als einziger Nicht-Sommerleiter dabei sein durfte. Und grossen Dank schliesslich an Jakob für die Organisation und Samuel für die jederzeit souveräne, transparente und aufmunternde Führung.

Peter Stähli

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